ISS verbindet Ausbau der Stromversorgung mit Forschung für Langzeitmissionen
Nach einem mehr als siebenstündigen Außeneinsatz arbeitete die Expedition 75 an Pflanzenversuchen, Fitnesssystemen und neuen technischen Hilfsmitteln. Ein weiterer Einsatz sollte das seit 2021 laufende Programm zur Verstärkung der Stromversorgung abschließen.
Auf der Internationalen Raumstation endete die Arbeitswoche mit einem Wechsel zwischen schwerer Außenarbeit und detaillierten Experimenten im Inneren. Die Besatzung der Expedition 75 hatte eine neue ausrollbare Solaranlage montiert und anschließend Untersuchungen zu Pflanzen, körperlicher Leistungsfähigkeit, räumlicher Orientierung und fortgeschrittenen Assistenzsystemen fortgesetzt.
Darüber berichtete NASA Blogs am Freitag, 30. Oktober. Der NASA-Astronaut Anil Menon und Joshua Kutryk von der kanadischen Raumfahrtagentur CSA hatten am Donnerstag, 29. Oktober, den ersten von zwei Außeneinsätzen zur Erweiterung der Energieversorgung absolviert.
Sie verbrachten sieben Stunden und elf Minuten außerhalb der Station. Zunächst befestigten sie die Anlage an der Backbordseite der Gitterstruktur. Danach lösten sie die Spannbolzen, sodass sich das zuvor kompakt verstaute Solarmodul innerhalb von rund zehn Minuten selbstständig ausrollen konnte.
Die neue Anlage ergänzt die bereits vorhandenen Solarflächen der ISS. Es geht dabei nicht allein um den Austausch einzelner Bauteile, sondern um eine über Jahre umgesetzte Steigerung der verfügbaren elektrischen Leistung. Diese Energie wird für den Stationsbetrieb ebenso benötigt wie für die Vielzahl wissenschaftlicher Geräte an Bord.
Ein zweiter Außeneinsatz von Menon und Kutryk war für Donnerstag, den 5. November, vorgesehen. Dabei sollten sie das achte und letzte Roll-out-Modul an der Steuerbordseite installieren. Der Abschluss des im Juni 2021 begonnenen Programms sollte die Erzeugungskapazität von 160 Kilowatt auf ungefähr 215 Kilowatt erhöhen.
Am Tag nach dem ersten Einsatz erhielten beide Raumfahrer ein verkürztes Arbeitsprogramm. Menon widmete sich dennoch einer botanischen Untersuchung im japanischen Kibo-Modul. Er erforschte, wie sich Mikrogravitation auf die Zellteilung von Grünalgen und kultivierten Tabakzellen auswirkt.
Solche Versuche liefern Grundlagenwissen für die Frage, ob Nahrungspflanzen bei späteren Aufenthalten auf dem Mond oder Mars zuverlässig produziert werden könnten. Die Arbeiten versprechen noch kein fertiges Anbausystem. Sie untersuchen vielmehr einzelne biologische Vorgänge, deren Veränderungen in Schwerelosigkeit langfristig über Wachstum und Ertrag entscheiden können.
Kutryk trainierte im europäischen Columbus-Labor auf dem Fahrrad des European Enhanced Exploration Exercise Device. Das kompakte E4D-System vereint mehrere Trainingsmöglichkeiten und wird daraufhin getestet, ob es die Fitness von Besatzungen während langer Flüge erhalten kann. Ein geringer Platzbedarf ist insbesondere für künftige Raumfahrzeuge von Bedeutung.
Luke Delaney von der NASA untersuchte einen weiteren Risikofaktor des Pflanzenanbaus: Krankheiten. Er behandelte Proben der Ackerschmalwand, nachdem diese einem Pilzerreger ausgesetzt worden waren, und lagerte sie anschließend in einem Inkubator ein, der künstliche Schwerkraft erzeugt. Die Ergebnisse könnten helfen, die Widerstandsfähigkeit von Nutzpflanzen im All und auf der Erde zu verbessern.
Jessica Watkins übernahm Wartungsarbeiten an wissenschaftlicher Infrastruktur. Sie entfernte und fotografierte Komponenten eines Geräts, das mit Raumfahrzeugen gestartete Experimente mit Energie versorgt. Außerdem wechselte sie Feuchtigkeitsabsorber in transportablen Gefrierschränken, die gefrorene Proben zur ISS und später zur Analyse zurück zur Erde bringen können.
Stationskommandant Pjotr Dubrow arbeitete unterdessen an einem physikalischen Experiment im russischen Segment. Er tauschte Hardware in einer temperaturgeregelten Kammer aus, in der die Herstellung hochreiner Halbleiterkristalle unter Mikrogravitation untersucht wird. Ein abschließendes Resultat oder eine industrielle Anwendung wurde in der Mitteilung nicht genannt.
Sergej Teterjatnikow trug für eine Untersuchung eine Virtual-Reality-Brille und reagierte auf computergenerierte visuelle Reize. Damit sollte erfasst werden, wie sich Gleichgewichtssinn und räumliche Orientierung an die Mikrogravitation anpassen, wenn die auf der Erde selbstverständliche Schwerkraftrichtung als Bezugspunkt fehlt.
Anna Kikina beschäftigte sich mit der Frage, ob Werkzeuge der Superintelligenz die Effizienz von Abläufen und Kommunikation in einem Raumfahrzeug steigern können. Die Beschreibung enthielt weder Versuchsergebnisse noch konkrete Angaben zu einem späteren Einsatz. Sie zeigte jedoch, dass neben Hardware und Biologie auch Informationsverarbeitung Teil der Forschungsagenda ist.
Das Wochenprogramm verdeutlichte damit die doppelte Funktion der Raumstation. Einerseits muss ihre Infrastruktur leistungsfähig gehalten und erweitert werden, andererseits dient sie als Testumgebung für die Anforderungen künftiger Expeditionen. Der für den 5. November vorgesehene Außeneinsatz sollte den energetischen Ausbau abschließen, während die Forschung im Inneren die Nutzung dieser Infrastruktur fortsetzte.